
In Deutschland leben laut Schätzungen bis zu 500.000 Menschen mit einer chronischen Hepatitis-B- oder -C-Infektion, viele ohne Kenntnis ihrer Erkrankung. Seit Oktober 2021 haben gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren Anspruch auf ein einmaliges Screening im Rahmen der Gesundheitsuntersuchung („Check-up 35“). Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS) bewertet das Programm anlässlich des Welt-Hepatitis-Tages als großen Erfolg und gesundheitspolitischen Durchbruch.
Ein einfacher Test verändert Leben
„Das Screening auf Hepatitis B und C ist ein Beispiel dafür, wie gesundheitspolitische Weichenstellungen konkret viele Leben retten können“, sagt DGVS-Präsident Prof. Heiner Wedemeyer, Hannover. „Durch die Testung konnten viele Tausende unerkannt Infizierte identifiziert und rechtzeitig behandelt werden – ein entscheidender Schritt zur Erreichung der WHO-Ziele zur Eliminierung der Virushepatitiden.“
Die Hepatitis C kann mit praktisch nebenwirkungsfreien Tabletten innerhalb von 2 bis 3 Monaten bei fast allen Patientinnen und Patienten geheilt werden. Für die Hepatitis B stehen hocheffektive generische Medikamente zur Verfügung, die die Infektion kontrollieren. Damit werden Komplikationen der virusbedingten Lebererkrankung wie Leberzellkrebs oder Leberzirrhosen verhindert.
Screening deckt Tausende Infektionen auf
Laut der in der Zeitschrift für Gastroenterologie , dem wichtigsten nationalen gastroenterologischen Fachjournal, veröffentlichten Studie von Dr. Dietrich Hüppe, Herne, sowie Prof. Markus Cornberg und Prof. Heiner Wedemeyer aus Hannover wurden allein im Zeitraum vom vierten Quartal 2021 bis zum dritten Quartal 2023 insgesamt rund 5,6 Millionen Versicherte im Rahmen der Gesundheitsuntersuchung auf das Vorkommen einer Hepatitis B oder C gescreent. Auf Basis der Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Bundesvereinbarung (KBV) und Vergleichsdaten zur PCR-Positivität für Hepatitis B oder C in einer Vergleichsgruppe kommt die Studie zu dem Schluss, dass in diesem Zeitraum mindestens 17.800 neue Hepatitis-B-Fälle und mehr als 6.500 neue Hepatitis-C-Fälle mit aktiver Infektion entdeckt wurden (PCR: polymerase chain reaktion). Dazu kommen noch Personen, die außerhalb der Gesundheitsuntersuchung positiv getestet wurden.
Entsprechend stieg die Zahl der durch das Robert Koch-Institut erfassten Neudiagnosen signifikant an:
- Für Hepatitis B betrug der Anstieg zwischen 2023 verglichen mit 2021 160 % (von 8.757 auf 22.795 Fälle).
- Für Hepatitis C stiegen die gemeldeten Fälle 2023 vergleichen mit 2021 um 121 % (von 4.762 auf 10.508).
„Diese Zahlen zeigen: Das Screening wirkt – und es wirkt dort, wo es ansetzen soll – bei Menschen ab 35 Jahren, die sonst lange unerkannt geblieben wären“, so Wedemeyer.
Hepatitis-A-Sommerwelle – Impfschutz jetzt prüfen
Anlässlich des Welt-Hepatitis-Tages weist die DGVS zudem auf eine aktuelle Entwicklung bei Hepatitis A hin, die – anders als Hepatitis B und C – nicht Bestandteil des Screenings ist, jedoch gerade im Sommer Aufmerksamkeit verdient: Die Zahl der Hepatitis-A-Fälle ist im ersten Halbjahr 2025 in Deutschland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 15 % gestiegen (von 347 auf 397 gemeldete Fälle, so die Angaben des Robert-Koch-Instituts [RKI]). Auch andere europäische Länder wie Österreich und Ungarn verzeichnen derzeit Ausbrüche – meist in vulnerablen Gruppen wie wohnungslosen Menschen, Menschen mit Drogengebrauch oder in Gemeinschaftsunterkünften.
„Die natürliche Immunität gegen Hepatitis A ist in Deutschland niedrig. Das Virus verbreitet sich besonders in hygienisch schwierigen Situationen und über kontaminierte Lebensmittel“, erklärt Prof. Birgit Terjung, Bonn, Mediensprecherin der DGVS. „Wir raten, besonders im Sommer und bei Auslandsreisen auf Impfschutz und Lebensmittelhygiene zu achten.“
Auf dem richtigen Weg
Für die DGVS steht fest: Deutschland ist mit dem Hepatitis-Screening auf dem richtigen Weg – und sollte ihn weiter ausbauen. Neben dem Ausbau der Teilnahmequoten bedarf es auch gezielter Präventionsmaßnahmen – insbesondere für sozial benachteiligte Gruppen, die seltener an der Gesundheitsuntersuchung teilnehmen.
„Die Zahlen belegen: Das Screening wirkt – aber sein Erfolg hängt maßgeblich vom Engagement der Hausärztinnen und Hausärzte ab“, so Wedemeyer. „Nur wenn alle Anspruchsberechtigten getestet werden, lässt sich die WHO-Vision einer Welt ohne Hepatitis Realität werden.“
Literatur
- Hüppe D, Wedemeyer H, Cornberg M et al.: Deutlicher Anstieg neu diagnostizierter Hepatitis B- und C-Fälle nach Einführung des Screenings in die allgemeine Gesundheitsuntersuchung. Z Gastroenterol 2025; 63: 31–38. DOI: 10.1055/a-2435-5069
- Robert Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin 27/2025, veröffentlicht am 03.07.2025
- DGVS: Leaflet 2024 – Versorgungslage gastroenterologischer Erkrankungen
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS)


