
Planegg (dpa/lby) – Forschergeist, Fachwissen, Mut zum Risiko und viel Geduld sind die Zutaten, mit denen Start-ups am Fortschritt arbeiten - unter anderem natürlich auch in der Medizin. Das Innovations- und Gründerzentrum (IZB) bietet Unternehmen seit 30 Jahren ein Arbeitsumfeld mit Büros und Labors. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte die Biotechnologie jüngst eine der faszinierendsten Branchen, die zudem gigantische Fortschritte mache und viele Menschen direkt betreffe. Der Freistaat habe seit der Gründung 75 Millionen Euro in den Standort investiert. Zurzeit sind etwa 40 Firmen im IZB ansässig. Vier Beispiele:
Antikörper-Wirstoff-Konjugate: Präszisionswaffe der Krebstherapie
Das 2019 gegründete Unternehmen arbeitet an Tumortherapien, konkret an Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten, mit deren eines der Hauptprobleme in der Krebsbehandlung, die Nebenwirkungen der Chemotherapien, reduziert werden kann, sagt Geschäftsführer Dominik Schumacher. Denn ein im Körper zirkulierendes Medikament wirkt in der Regel nicht nur gegen die Krebszelle, sonder löse bei gesunden Zellen Nebenwirkungen aus. Die Folge: Die Medikamentendosis müsse häufig reduziert oder die Therapie abgebrochen werden . Der Tumor könne dann wieder wachsen.
Tubulis setzt auf den gezlelten Transport der Antikörper zu den Krebszellen. «Die Idee ist: Ich nehme den Antikörper, belade ihn mit einem chemotherapeutischen Molekül, der Antikörper transportiert dieses dann gezielt zum Tumor und lädt es dort ab. Im Idealfall wirkt es nur dort und das gesunde Gewebe rundherum bleibt verschont», erläutert Schumacher. 100%ig ließen sich mit dieser Methode Nebenwirkungen zwar nicht vermeiden, aber massiv reduzieren.
In der Praxis könnten Ärzte einen Patienten dann länger mit einem Medikament behandeln oder hätten mehr Spielraum bei der Dosierung. Drei Antikörper-Wirkstoff-Konjugate von Tubulis seien in der klinischen Entwicklung in einer Phase-I-Studie, so Schumacher. Ziel sei es, das volle Potenzial dieser Therapie auszuschöpfen, um das Leben von möglichst vielen Krebspatienten signifikant zu verbessern. Tubulis hat rund 70 Mitarbeiter.
Genetische Schwachstellen der Krebszellen im Fokus
Einen anderen Ansatz als Tubulis verfolgt das Unternehmen Eisbach Bio in seiner Krebsforschung. Ziel ist aber auch hierbei: ein Medikament möglichst ohne Nebenwirkungen zu entwickeln. Der Wirkstoff soll das Tumorwachstum stören, indem er dessen genetische Schwachstellen angreift. «Wir analysieren, was in einer Tumorzelle anders ist als in der gesunden Körperzelle und entwickeln ein Medikament, das sich zwar in allen Körperzellen und -regionen verteilt – aber es richtet nur in den Tumorzellen einen Schaden an», erläutert Geschäftsführer Adrian Schomburg.
Der Wirkstoff könne insbesondere bei Tumorarten angewendet werden, für die es bisher wenige Behandlungsmöglichkeiten gibt – etwa weil bisherige Medikamenten schwere toxische Nebenwirkungen für den Patienten haben oder der Tumor Resistenzen dagegen entwickelt.
Eisbach Bio hat seinen Wirkstoff in einer Phase-I/II-Studie in der klinischen Anwendung. Dabei wird die Verträglichkeit, Wirksamkeit und Sicherheit bei Patienten untersucht, die beispielsweise Eierstock-, Prostata- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs haben. Verabreicht wird das Medikament 1-mal täglich als Tablette. Es eigne sich auch für die Kombination verschiedener Therapien, die bisher aufgrund toxischer Wechselwirkungen in der Regel nicht möglich waren. Eisbach Bio wurde 2019 gegründet und hat 12 Mitarbeiter.
Synthetische Phagen als Antwort auf Antibiotikaresistenzen
Antibiotikaresistenzen gehören weltweit zu den größten medizinischen Herausforderungen und sind eines der Arbeitsfelder des 2022 gegründeten Unternehmens Invitris. Eine Möglichkeit der Therapie bei Antibiotikaresistenz ist der Einsatz von Bakteriophagen (kurz: Phagen) gegen antiiotikaresistente Bakterien. Das Problem der Phagen ist, so erklärt es Geschäftsführer Patrick Großmann, dass sie sich sehr spezifisch gegen bestimmte, einzelne Bakterien richten und nicht großflächig, sondern personalisiert verwendet werden können. Das mache die Therapie sehr aufwendig. In Deutschland ist sie nur in Einzelfällen zugelassen.
Das Start-up hat eine Technologie entwickelt, mit der es Phagen synthetisch herstellen kann. Dazu simulieren sie die natürlichen Prozesse innerhalb einer Bakterie im Reagenzgefäß, und zwar ohne ein Bakterium zu verwenden, und stellen so Phagen her. Das Verfahren sei sehr sicher, weil Arbeitsprozesse, die bei der Laborarbeit mit Bakterien notwendig sind – etwa das Ausfiltern toxischer Elemente –, wegfallen. Die synthetisch hergestellten Phagen ließen sich einfach modifizieren. «Wir können ohne gentechnische Manipulation synthetische Phagen entwickeln, die bessere Eigenschaften aufweisen.»
Das Start-up entwickelt und vertreibt die Technologie zur Herstellung phagenbasierter Medikamente und stellt selbst solche Medikamente her. Zudem sollen mit der Technologieplattform von Invitris weitere therapeutische Moleküle wie Antikörper, Nanobodies und Membranproteine synthetisiert werden können.
Vielversprechender Ansatz bei Autoimmunerkrankungen: iRhom2-Antikörper
Das 2016 gegründete Unternehmen gilt als Pionier bei der Entwicklung von Therapien für Autoimmunerkrankungen auf der Basis von neu entwickelten Antikörpern gegen das körpereigene Protein iRhom2. Im Fokus stehen entzündliche Darmerkrankungen und rheumatoide Arthritis. Bisherige Rheuma-Medikamente erreichten bei gut 50% der Patienten eine etwa 50%ige Verbesserung der Symptome, sagt Geschäftsführer Jan Poth. «Wir sind überzeugt, und das haben wir bereits in präklinischen Studien zeigen können, dass unser Ansatz das deutlich verbessert.»
Bisherige Medikamente seien in erster Linie Hemmstoffe, die einzelne Entzündungstreiber im Körper blockieren und dadurch den Krankheitsverlauf mildern. In der Regel bildeten bei den genannten Autoimmunerkrankungen mehrere Entzündungstreiber ein verzweigtes, aufeinander aufbauendes System und erforderten somit mehrere Abwehrmechanismen, erläutert Poth. Der Wirkstoff von SciRhom soll so früh in dieser Kaskade ansetzen, dass er gleich mehrere Entzündungstreiber auf einmal ausschalten kann, sagt Co-Geschäftsführer Jens Ruhe. Der Wirkstoff zielt auf eine selektive Hemmung des Enzyms TACE/ADAM17 ab, das einem Hauptschalter für verschiedene, für Autoimmunkrankheiten relevante Entzündungstreiber gleicht.
Seit Oktober 2024 befindet sich der Wirkstoff in einer Phase-I-Studie in der klinischen Anwendung. Da gehe es vor allem um Verträglichkeit und Sicherheit, erläuterte Jens Ruhe. Die Wirksamkeit werde in der Phase-II-Studie untersucht.
